BVV-Vorstand Marco Herrmann: „Ich arbeite gern lösungsorientiert“

Bund Institutioneller Investoren: Herr Herrmann, Sie arbeiten für die mit Abstand größte deutsche Pensionskasse, den BVV Versicherungsverein des Bankgewerbes. Fühlen Sie sich dort manchmal wie auf einem Supertanker?

Marco Herrmann: Der Vergleich scheint sich in der Tat aufzudrängen, denn diese Frage wurde mir schon häufiger gestellt. Dennoch mag ich diese Illustration nicht besonders. Der BVV steht für mich sinnbildlich für Konstanz, Verlässlichkeit und Tradition, gleichermaßen aber auch für ein attraktives und bedarfsgerechtes Leistungsspektrum und innovative Produkte. Wir setzen derzeit aktiv unsere Modernisierungs- und Digitalisierungsstrategie um. Natürlich nicht von heute auf morgen; dafür mit Augenmaß, zielgerichtet und auf unsere strategischen Ziele fokussiert.

Wenn schon kein Supertanker, was dann?

Ein Supertanker oder Superfrachter ist in meiner Vorstellung schwer steuerbar, man sieht von einem Ende des Schiffes kaum das andere Ende – und manchmal bleibt es auch in einem Kanal stecken. Ein solches Verharren oder Steckenbleiben sehe ich für den BVV nicht. Wir sind dann eher – wenn schon ein großes Boot – zugleich ein wendiges und auch ein sehr effizientes: Mit unseren rund 250 Mitarbeitenden gelingt es uns, die betriebliche Altersversorgung von bald einer halben Million Bankbeschäftigten und Pensionären zu betreuen.

Im Übrigen sind wir mehr als die von Ihnen eingangs erwähnte Pensionskasse: Unser Pensionsfonds wiegt circa eine Milliarde Euro, ist das Vehikel zur Ausfinanzierung von Pensionsverpflichtungen und steht auch für die laufende Beitragszahlung zur Verfügung. Wir haben zudem ein Fondsprodukt entwickelt, welches wir für die Umsetzung der reinen Beitragszusage einsetzen können, mit dem wir aber auch unsere aktuelle Produktlandschaft ergänzen. Sie sehen, wenn schon ein Supertanker, dann doch bitte einer mit vielen Schnellbooten.

Die Zukunft des BVV, im Jahr 1909 als Beamtenversicherungsverein des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes gegründet, ist digital. Und die Verantwortung für Modernisierung und Digitalisierung liegt, neben vielen anderen Aufgaben, in Ihren Händen. Nehmen Sie uns mit in Ihren Maschinenraum.

OK, das mache ich gern. Vorher sollten wir aber noch unsere Schutzbekleidung anziehen. Sie wissen ja, Sicherheit und dauernde Erfüllbarkeit der Verpflichtungen sind Kernziele der Einrichtungen betrieblicher Altersversorgung. Unser Haus ist auf Effizienz getrimmt, eine Vielzahl von Prozessen arbeitet bereits hochautomatisiert. Mit sich verändernden Kundenbedürfnissen verändern sich auch die Anforderungen an eine leistungsfähige IT. Dies umzusetzen ist Auftrag unseres Projekts IT-Next.

Worum geht es dabei konkret?

Ziel ist es, den BVV über den Aufbau einer modernen, flexiblen und modularen Infrastruktur auch technisch in die Lage zu versetzen, die strategischen Anforderungen zu erfüllen und die Innovationsagenda schnell und effektiv umzusetzen.

Und warum das alles?

Wir wollen unseren Mitgliedsunternehmen, Versicherten und Rentnern stressfreie bAV anbieten. Und wir sind dabei nicht blauäugig unterwegs: Betriebliche Altersversorgung ist zwar zum einen eine relevante Sozialleistung, die einen attraktiven Arbeitgeber auszeichnet und Mitarbeitende bindet, sie ist aber auch ein Kostenfaktor und – wenn es nicht zum Kerngeschäft eines Unternehmens zählt – auch verwaltungsintensiv. Hier genau setzen wir an, indem wir für unsere Mitgliedsunternehmen die Administration der BVV-Versorgung vollständig übernehmen. Zurück zum Stichwort „Maschinenraum“: Unsere Transformationsagenda fokussiert sich folgerichtig im Wesentlichen auf vier Themenbereiche: Dabei handelt es sich neben der sogenannten Kundenschnittstelle um Produkt-/Dienstleistungs- und Serviceangebote sowie interne Prozesse. Darüber hinaus betrachten wir sogenannte Enabler. Dies sind vor allem Aktivitäten, die unsere Mitarbeitenden befähigen, die genannten operativen Themen anzugehen.

Ein Beispiel, bitte.

Ein praktisches Beispiel ist die Umsetzung konkreter Maßnahmen für eine nachhaltig hohe Performance im Kundenservice auf Basis eines holistischen Ansatzes in der Personalstrategie und der Personalentwicklung. Und wenn Sie Öl und Ruß an Händen und im Gesicht nicht scheuen, können wir noch eine Etage tiefer steigen.

Auf geht’s!

Mit dem BVV-Kundenportal digitalisieren wir die Kundenschnittstelle im Kerngeschäft. Ein B2B-Portal ist in Vorbereitung. Und mit der Gründung und dem Markteintritt der betavo Beratungsgesellschaft verfolgen wir einen Full-Service-Ansatz.

Das sollten Sie erläutern.

Langjährig erfahrene bAV-Experten bieten unseren Kunden Altersversorgung aus einer Hand. Mittels moderner Informationsarchitekturen und auf Grundlage entsprechender Use Cases stellen wir uns so modern auf, dass wir die gesamte bAV-Verwaltung unserer Kunden administrieren können. Apropos modern: Unseren Mitarbeitenden stellen wir zeitgemäße Arbeitsplätze zur Verfügung, im Übrigen arbeitet die Mehrzahl unserer Kolleginnen und Kollegen pandemiebedingt mobil.

Auch nach dem Abflauen der Pandemie?

Ja, wir werden diese Arbeitsform auch nach Corona in einem zu definierenden Umfang beibehalten. Außerdem haben wir uns – um diese kurze Aufzählung abzurunden – anspruchsvolle Nachhaltigkeitsziele gesetzt und mit der BVV-Kulturwerkstatt eine Aktivität initiiert, die alle Mitarbeitenden einbindet und sich mit den Unternehmenswerten und der Zusammenarbeit im BVV beschäftigt. Sehr wichtige Themen, die leider allzu häufig bei der Konzentration auf operative Themen vernachlässigt werden.    

Von Haus aus sind Sie Jurist. Was mögen Sie an Ihrem facettenreichen Posten besonders gern?

Ich bin ein Kind der betrieblichen Altersversorgung und habe mich in die rechtlichen Aspekte dieser doch anspruchsvollen Materie regelrecht reingefräst. Allein wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Betriebsrentengesetz lediglich 32 Paragrafen umfasst, der auflagenstärkste Kommentar aber deutlich mehr als 1.000 Seiten stark ist, zeigt sich die Komplexität der bAV. Hinzu kommt, dass ihre Entwicklung durch Rechtsprechung und weitere Gesetzgebung in den letzten Jahren eine Dynamik erreicht hat, die sich auch in Zukunft nicht nennenswert abschwächen wird. Ich arbeite gern lösungsorientiert, verbunden mit einer guten Portion Pragmatismus. Auf dem Feld der bAV kann ich mich da ordentlich austoben: Bewährtes auf den Prüfstand stellen, rechtlich einwandfreie Lösungen kreieren, neue Regelungen oder gesetzliche Vorgaben in die praktische Umsetzung überführen. Diese Aspekte machen für mich den Reiz der bAV aus.

Bei welchen Themen lassen Sie lieber anderen den Vortritt?

Ich bin froh, mit einer Vielzahl sehr kompetenter Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten zu dürfen. Getreu dem Motto „iudex non calculat“ fühle ich mich bei mathematischen Sachverhalten in der fachlichen Nähe unserer Aktuarin sehr wohl.

Jetzt müssen wir aber doch einmal selbst den Taschenrechner zücken. Der BVV zählt rund 355.000 Versicherte und 125.000 Rentner. Die meisten davon sind von Haus aus Finanzprofis. Wie viel Aufklärungsarbeit müssen Ihre Mitarbeiter da überhaupt leisten, wenn es um die weitere Verbreitung der Betriebsrente geht?

Ich glaube, es ist weniger Aufklärungsarbeit, die wir zu leisten haben. Wenn Sie es auf Kundenseite aber eben auch mit Profis zu tun haben, wird die durchaus berechtigte Erwartungshaltung an den BVV so definiert, dass wir „den Laden im Griff haben“. Das „big picture“ ist unseren Kunden vertraut, wir arbeiten stark in den Details. Und wenn auch der Verbreitungsgrad der bAV in unserer Branche erfreulich hoch ist, so sehen wir aber an dieser Stelle noch Potenzial.

Wie meinen Sie das?

Mir ist klar, dass der Euro nur einmal ausgegeben werden kann, aber die notwendige Reform in der gesetzlichen Rentenversicherung zeigt, dass der betrieblichen und privaten Altersversorgung noch mehr Bedeutung zukommen wird. Und die bAV ist aus meiner Sicht die effizienteste Form der Alterssicherung, weil sie Kollektive adressiert und beim BVV ohne Provisions- und Abschlusskosten auskommt. Ganz konkret würde ich mich sehr über eine tarifvertragliche Regelung zur Umsetzung der reinen Beitragszusage freuen. Wir sind diesbezüglich startklar und könnten mit unserem Produktangebot auch den bisher unversorgten Mitarbeitenden der Finanzbranche den Einstieg in die bAV eröffnen.       

Gemessen an der Bilanzsumme von rund 31,4 Milliarden Euro ist der BVV Versicherungsverein des Bankgewerbes auch im internationalen Vergleich ein Schwergewicht. Er liegt im Mittelfeld der 300 größten Pensionseinrichtungen. Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten der betrieblichen Altersversorgung?

Ich schaue positiv in die Zukunft. Es wird weiterhin Herausforderungen geben, die wir zu bewältigen haben. Das anhaltende Niedrigzinsumfeld und die Auswirkungen der Corona-Pandemie seien beispielhaft genannt. Traditionelle Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung haben aber bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass sie stürmischen Zeiten trotzen können. Dabei brauchen wir nur die letzten rund 20 Jahre Revue passieren lassen: Dotcom-Blase, 9/11, Lehman, Subprime-, Finanzmarkt-, Staatschuldenkrise etc.

Welche Einflussfaktoren werden die bAV der nächsten Jahre prägen?

Davon gibt es eine ganze Reihe: die weitere Entwicklung von Gesetzgebung und Rechtsprechung, die Zukunft der gesetzlichen Rente und insgesamt die Aktivitäten der Politik nach den Wahlen, um nur einige zu nennen. In Bezug auf die Unwägbarkeiten umlagefinanzierter Systeme wird die kapitalgedeckte betriebliche Altersversorgung mit einer ausgewogenen Balance zwischen Chancen und Risiken und einem bedarfsgerechten Angebots- und Leistungsspektrum eine weiterhin wichtige Rolle spielen. Gerade in unserem Geschäft gilt der Grundsatz: „Aus Sicht des Kunden denken“.

Woran machen Sie das Kundenwohl fest?

Anbieter von bAV-Lösungen werden dann bestehen, wenn sie ihren Kernauftrag – also ihr Leistungsversprechen – erfüllen, sich digital und modern präsentieren und dabei nicht den persönlichen Bezug zum Versicherten verlieren.

Themenwechsel: Wie entspannen Sie sich nach der Arbeit?

Den größten Rückhalt gibt mir meine Familie – meine wunderbare Frau und meine beiden Töchter. Die Zeit mit ihnen ist sehr wertvoll.

Welchen Ort in Berlin und Umgebung besuchen Sie besonders gern und warum?

Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich mit Freunden gern im Südosten Berlins in einem wunderschönen Fußballstadion und drücke einem Bundesligisten die Daumen, auch im 3. Jahr der Erstligazugehörigkeit die Klasse zu halten. Ich freue mich, wenn ich wieder ein Spiel live besuchen kann.

Ihr Herz schlägt also für Union Berlin. Welches Buch haben Sie mehrmals gelesen und warum?

Es sind tatsächlich aktuell vier an der Zahl, die ich herausheben möchte.

Dann mal los.

„Steve Jobs – Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers“ des Autors Walter Isaacson. Warum? Jobs war ein Visionär, ein Genie, ein Unternehmer im wörtlichen Sinne, aber auch ein nicht ganz einfacher Zeitgenosse mit Führungsprinzipien, die nicht den meinen entsprechen.

Buch Nummer zwei?

„Machtverfall“, geschrieben vom Journalisten Robin Alexander. – Weil ich mich für politische Themen in unserem Land interessiere.

Eine Biografie, ein Buch über das Ende der Ära von Angela Merkel. Was noch? 

Die Festschrift für Dr. Birgit Uebelhack.

Was verbindet Sie mit der jüngst verstorbenen Justitiarin und stellvertretenden Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung?

Nach fast 40 Jahren im Dienst der betrieblichen Altersversorgung war sie so etwas wie die „Grande Dame“ der bAV. Vieles von dem, was ich zum Recht der bAV weiß, habe ich von ihr gelernt. Sie ist leider viel zu früh und viel zu jung verstorben.

Und Ihr vierter Lektüretipp? 

 „Das Mindset von Devops Accelerate“. Die Autoren Nicole Forsgren, Jez Humble und Gene Kim gehen darin unter anderem der Frage nach, wie man leistungsstarke Technologieunternehmen entwickelt und skaliert. Das Buch ist ein Geschenk von einem sehr geschätzten Kollegen. Er versah es seinerzeit mit folgender Widmung: „… wenn Du nur ein Buch lesen dürftest, um Dich auf Deinen Job als Ressortverantwortlicher für die IT vorzubereiten, dann würde ich Dir dieses Buch empfehlen.“ Ich hab’s gelesen und schaue immer wieder rein. Er hat recht.

Welche Hobbys pflegen Sie mit Leidenschaft?

Gern bin ich in meiner Freizeit mit Familie und Freunden am Meer oder auf den Berliner Binnengewässern unterwegs. Zudem bin ich begeisterter Läufer. Ansonsten – und zugegebenermaßen klingt es irgendwie komisch – ist die betriebliche Altersversorgung Job, Berufung, Hobby und Leidenschaft zugleich.

Über den Interviewten:
Der Jurist Marco Herrmann ist einer von insgesamt drei Vorstandsmitgliedern beim BVV Versicherungsverein des Bankgewerbes a. G. mit Sitz in Berlin. Im Führungsgremium dieses Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit ist er für die Abteilungen Firmenkunden, Informationstechnik, Personal, Recht einschließlich Compliance, Revision sowie Risikomanagement/Controlling verantwortlich. Zudem leitet er die Stabsstellen Enterprise Architecture Management, Modernisierung/Digitalisierung sowie Strategie, Kommunikation, Vorstandsunterstützung.

Bildquelle: BVV

Die Fragen stellte Tobias Bürger, Bund Institutioneller Investoren, bii. 

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