Interview mit Susanne Eickermann-Riepe, Vorsitzende des RICS European World Regional Boards und Vorsitzende im Institut für Corporate Governance (ICG)
„Mir ist es wichtig Brücken zwischen den Menschen und Kulturen zu bauen“
Was motiviert Sie persönlich, sich für Qualität und Nachhaltigkeit in der Immobilienbranche einzusetzen?
Immobilien sind fester Bestandteil unseres privaten und beruflichen Lebens, außerdem sind sie aus meiner Sicht Emotionalität pur. Sie stehen im Idealfall für Schönheit, gute Aufenthaltsqualität, Grün im Umfeld, eine spannende Architektur und ein durchdachtes Innenleben. In der Summe können sie ein ganzes Stadtbild positiv prägen und eine besondere Atmosphäre schaffen. Natürlich stehen sie auch für ein enormes Vermögen, weltweit bilden sie etwa 400 Billionen US-Dollar an Werten. Das entspricht rund der vierfache Jahresleistung der Weltwirtschaft. Deshalb liegt es für mich auf der Hand, warum wir uns für die Qualität und Nachhaltigkeit unserer Immobilien einsetzen sollten.
Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie für die Immobilienwirtschaft?
Es ist immer so, dass Konjunkturprobleme und exogene Schocks früher oder später auch an den Immobilienmärkten ankommen. Insofern zählen aktuell vor allem die Finanzierung und Bewertung der Immobilien unter den gegebenen Unsicherheiten zu den großen Herausforderungen. Das Hauptproblem ist, die Exit-Hebel sind derzeit viel geringer, was sich auf die Bewertungen und die Finanzierungsmöglichkeiten auswirkt. Dennoch haben Top-Lagen weiterhin die besseren Aussichten, anders als die B- oder gar C-Lagen. Die große Hürde ist auf jeden Fall das Refinanzierungsvolumen von über 100 Milliarden Euro in Europa alleine in 2026.
Wie integrieren Sie ESG-Kriterien in Ihre strategische Arbeit bei RICS?
Genau darüber haben wir uns erst vor wenigen Tagen intensiv während der RICS Built Environment Summit in Budapest ausgetauscht. Uns bewegt selbstverständlich die globale Weltlage, dennoch darf unsere Umwelt trotz aller aktuellen politischen Probleme nicht in der Prioritätenliste nach unten stürzen. Speziell die sozialen Aspekte beim Thema ESG verdienen mehr Aufmerksamkeit. Wir werden als Immobilienbranche dem sozialen und gesellschaftlichen Anspruch immer noch nicht gerecht. Neue Standards müssen zu mehr bezahlbarem Wohnraum führen. Gleiches gilt für die Governance. Wir müssen uns immer fragen, arbeiten wir ethisch korrekt? Zumal dieser Bereich die Grundlage für den Kapitalfluss im Immobilienbereich bildet. Dabei dürfen wir nicht immer nur nach Brüssel schauen, wir müssen als Branche selbst aktiv werden.
Welche Rolle spielt Digitalisierung für die Immobilienstandards?
Wir haben als RICS viele Tech-Partner und bekommen mit unseren Sentiment Reports ausreichend Daten um Trends zu erkennen und detaillierte Analysen zu erstellen. Die Effizienzsteigerung steht hier im Vordergrund. Es geht aber auch um Transparenz, speziell in Deutschland können wir da noch aufholen. Mit KI werden wir uns intensiv auseinandersetzen müssen. Es ist gut, dass sich Brüssel nun mit dem „EU AI Act“ verstärkt dem Thema widmet. Denn wie bei vielen epochalen Innovationen gilt es nicht nur die Chancen im Blick zu haben, sondern auch die Risiken.
Was bedeutet „Qualitative Ökonomie“ für Sie im Kontext der Immobilienbranche?
Die zentrale Fragestellung ist in diesem Kontext: Welche qualitativen Handlungsoptionen gibt es für die Wirtschaft? Zumindest laut der EU ist in diesem Zusammenhang das oberste Ziel die Erhaltung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Aber was bedeutet das genau? Wohin wollen wir und was sind unsere Visionen?
Ich meine, wir sollten unseren Blick und damit die Formulierung einer langfristigen Vision für unsere Wirtschaft auf innovative Felder ausrichten, wo wir gute Chancen im globalen Wettbewerb haben und dabei geht es um qualitative Elemente. Denn quantitativ sind uns beim Thema Produktherstellung andere Weltregionen oft voraus.
2028 werden Sie die erste deutsche RICS-Präsidentin sein. Welche Vision verfolgen Sie für die internationale Immobilienbranche?
Mir ist es wichtig Brücken zu bauen, gerade heute, wo wir an vielen Stellen genau das vermissen. Auch wir als RICS müssen als große Organisation mit Hürden kämpfen. Hinzu kommt die breite globale Ausrichtung. Kooperationen zwischen den unterschiedlichen Ländervertretungen und vor allem den Kulturen sind von besonderer Bedeutung. Nur über den Aufbau besagter Brücken und die Einigung über gemeinsame Inhalte und Themen werden wir unsere zentralen Ziele umsetzen können.
Abseits Ihrer beruflichen Tätigkeiten: Was sind Ihre persönlichen Interessen?
Ich bin beruflich viel in der Welt unterwegs. Deshalb freue ich mich immer, wenn ich auch mal wieder zu Hause bei meiner Familie bin. Dennoch liebe ich den Reiz anderer Länder, Menschen und Kulturen. Das bereichert meinen Blick auf die Welt. Reisen, ob beruflich oder privat, ist deshalb meine große Leidenschaft.
Über Susanne Eickermann-Riepe
Susanne Eickermann-Riepe FRICS ist eine führende Stimme der europäischen Immobilienwirtschaft und steht für Qualität, Governance und Nachhaltigkeit. Sie ist Vorsitzende des RICS European World Regional Board und des Instituts für Corporate Governance (ICG). 2028 übernimmt sie als erste Frau aus Deutschland die Präsidentschaft der RICS. Zuvor leitete sie das deutsche Real-Estate-Geschäft von PwC und war rund 20 Jahre Partnerin im globalen Führungsteam.

