»Gold und Silber: Bricht eine neue Zeitrechnung an?«

Gold und Silber: Bricht eine neue Zeitrechnung an?

 

Edelmetallanleger haben turbulente Jahre hinter sich – doch das, was sich 2025 bei Gold und Silber abspielte, hat selbst hartgesottene Edelmetall-Fans überrascht: Gold kam auf Jahressicht auf ein Plus von über 50 Prozent in Euro und 70 Prozent in US-Dollar, bei Silber lag der Zuwachs sogar bei über 140 Prozent in Euro und 170 Prozent in US-Dollar. Kurz vor dem Jahreswechsel haben die Edelmetalle neue Allzeithochs erreicht – wer hätte gedacht, dass knapp 80 US-Dollar für eine Feinunze Silber und 4.500 US-Dollar für eine Gold-Unze fällig werden?

 

Bei nüchterner Betrachtung ist die Entwicklung von Gold und Silber eigentlich nicht überraschend: Die Notenbanken in aller Welt drucken Geld in unvorstellbarem Umfang, die geopolitischen Krisenherde sind weit von einer Entspannung entfernt und die halbe Welt kauft Gold – Privatanleger und institutionelle Anleger ebenso wie die Zentralbanken. Bei Silber kommt die industrielle Nachfrage dazu, die in den letzten Jahren durch Photovoltaik und Elektroautos sprunghaft zugenommen hat, während am Silbermarkt seit sieben Jahren ein Angebotsdefizit besteht. Somit waren die Voraussetzungen ideal für eine Fortsetzung der Edelmetall-Hausse – doch wer schon einige Jahre bei Gold und Silber dabei ist, weiß auch, dass es immer wieder zu Rückschlägen kommen kann und dass die besten Argumente nichts nützen, wenn das Sentiment gegen Edelmetalle und für Aktien oder Kryptowährungen spricht.

 

Nach dem dynamischen und außergewöhnlich schnellen Preisanstieg von Gold und Silber war eine Phase der Konsolidierung nunmehr notwendig – und sie hat mit Ablauf des Monats Januar ihren Anfang genommen. Charttechnisch ist dadurch allerdings noch kein Schaden angerichtet worden. Denn selbst bei einem Rückgang des Goldpreises um zwanzig Prozent bliebe der langfristige Aufwärtstrend intakt. Und so hat es nicht überrascht, wie schnell der Goldpreis einen Teil der Verluste in kürzester Zeit wieder ausgleichen konnte und wie schnell die Käufer wieder zur Stelle waren: Seit Februar 2026 dominieren ganz klar die Käufer im physischen Edelmetallhandel in Deutschland, kaum jemand will seine Münzen oder Barren zu den gegenwärtigen Kursen abgeben.

 

Je länger die kontinuierliche Aufwärtsbewegung bei Gold anhält, desto deutlicher wird: Es vollzieht sich eine grundlegende Neubewertung der Rolle des Goldes – sowohl als Anlageklasse als auch als strategisches Reserveinstrument von Zentralbanken. Der Anteil des US-Dollars an den weltweiten Währungsreserven ist zuletzt auf etwas über 55 Prozent gefallen – der niedrigste Stand seit rund 30 Jahren (ohne Berücksichtigung von Gold). Und Zentralbanken außerhalb der westlichen Staatengemeinschaft dürften ihre Währungsreserven mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter diversifizieren. Vor diesem Hintergrund bleibt Gold eine naheliegende Alternative.

 

Grundsätzlich stehen institutionellen Anlegern dieselben Finanzvehikel zur Verfügung wie Privatanlegern auch – doch wegen des oft sehr viel höheren Investitionsvolumens und der ggf. abweichenden strategischen Ziele unterscheiden sich am Ende die gewählten Produkte doch deutlich. Während Privatanleger in erster Linie physisches Gold allen erdenklichen Stückelungen vom Gramm bis zur Unze kaufen und zuhause lagern, greifen institutionelle Anleger stattdessen bei einem physischen Investment auf große Barren zurück – in den seltensten Fällen selbst gelagert, stattdessen bei einem Sicherheitsdienstleister verwahrt oder in einer externen Lagerstätte bei der Bank. Auch die geographische Diversifikation spielt bei institutionellen Anlegern eine größere Rolle, sie nutzen neben heimischen Lagerplätzen auch internationale Lagermöglichkeiten an Standorten wie Singapur oder Kanada. Des Weiteren setzen institutionelle Anleger auch stärker auf Gold-ETFs (physisch gedeckte, börsengehandelte Wertpapiere, die entsprechend die Edelmetalle halten) und Gold-ETCs (Exchange Traded Commodities; Schuldverschreibungen, die den Goldpreis nachbilden), hier vor allem Euwax Gold II und Xetra‑Gold. Sie beinhalten einen Anspruch auf physische Auslieferung von Gold und haben daher steuerliche Vorteile, wenn sie länger als ein Jahr gehalten werden.

 

Sehr viel seltener nutzen institutionelle Investoren im deutschsprachigen Raum börsengehandelte Futures- und Optionskontrakte, sowie von Banken angebotene Zertifikate und Optionsscheine. Letztere eignen sich weniger für langfristig strategische und sicherheitsorientierte Anlagen in Edelmetalle, sondern werden, wenn überhaupt, häufig für eher spekulativ orientierte Positionen genutzt. Für die typischerweise sehr sicherheitsbedachten Anleger im deutschsprachigen Raum, zu denen die meisten institutionellen Investoren ebenfalls gehören, ist ein rein spekulativer Ansatz jedoch eher die Ausnahme.

 

Wolfgang Wrzesniok-Roßbach

Edelmetallexperte und Initiator

ZukunftsForum Edelmetalle