»Europas Wirtschaft wird 2026 boring, but beautiful sein«

Interview mit Dr. Christian Schulz, Chefvolkswirt

bei Allianz Global Investors

„Europas Wirtschaft wird 2026 boring, but beautiful sein“

Wie schätzen Sie im Rückblick das Jahr 2025 ein?
Ein zentraler Moment in der Entwicklung der Weltwirtschaft und damit auch der Kapitalanlagen war sicher der sogenannte Liberation Day in den USA im April. Die neue US-Zollpolitik war geradezu disruptiv für das globale Wirtschaftsgefüge. Interessant war die sehr schnelle Erholung der Konjunktur von den Auswirkungen der neuen Zollpolitik. Auch andere exogene Faktoren, wie die aktuell deutlich schwächere Konjunktur in China oder auch die sehr durchwachsene Entwicklung in Europa, konnten die unerwartet stabile Entwicklung der Weltwirtschaft nicht spürbar negativ beeinflussen. Insofern ist insbesondere die Resilienz der Weltkonjunktur im Rückblick eher überraschend positiv gewesen.

Welche Assetklassen gehören zu den Gewinnern des letzten Jahres?
US-Aktien liefen definitiv sehr gut, US-Bonds hingegen weniger, die beste Assetklasse war aus meiner Sicht Gold. In Europa hat Deutschland mit einem Überbordwerfen seiner bisherigen Sparstrategie mit der neuen Fiskalpolitik einen sehr starken Impuls ausgesendet. Allerdings ist dieser Anstoß zur Konjunkturförderung mit einer Rekordverschuldung verbunden. Es wird sich zeigen, inwieweit das zu einem Gamechanger für die Wirtschaftsentwicklung in Europa wird. Denn hier ist ein Eingriff nötig nach dem Schock der durchschnittlichen Verdopplung der US-Zölle. Insofern glaube ich, dass es von der größten Volkswirtschaft in Europa ein richtiger und mutiger Schritt war.

Wie könnte sich dieser Impuls auswirken und wann?
Zunächst sollten wir uns nochmals die gewaltige Summe vor Augen halten. Das Defizit wird mit 4 Prozent höher sein als die zusätzlichen Staatsschulden, die Deutschland beispielsweise in der Finanzkrise 2009 oder der Pandemiekrise 2020 aufgenommen hat. In Summe erwarten wir einen spürbaren Effekt mit einer Trendumkehr, weg aus der Rezession hin zu einem wieder positiven Wirtschaftswachstum mit rund einem Prozent in 2026. In den Folgejahren sollte sich dann eine Verstetigung dieser Entwicklung mit steigenden Wachstumszahlen einstellen. Natürlich immer vorausgesetzt, wir erleben keine weiteren exogenen Marktschocks.

Wie reduzieren wir die strukturellen Wirtschaftsproblemen in Europa?
Wir brauchen definitiv mehr einheimische Nachfrage. Denn die USA werden aufgrund der durch die neue Zollpolitik gestiegenen Preise für EU-Güter weniger bei uns einkaufen. Die Chinesen fertigen gleichzeitig immer mehr selbst und wandeln sich zudem in vielen deutschen Exportbranchen vom Abnehmer zum Konkurrenten. In der Folge müssen wir uns auf die bekannten Herausforderungen konzentrieren. Dazu zählt eine Verbesserung der Infrastruktur mit funktionierenden tiefen Kapitalmärkten in Europa. Das Thema Digitalisierung und vor allem KI wird eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Richtung ist dabei klar, wir werden unsere Wettbewerbsfähigkeiten nicht über den Preis erreichen können, nur über Qualität und Innovation.

Was dürfen wir von dem laufenden Jahr 2026 erwarten?
Der Auftakt zeigt schon, dass wir vor weiteren Störfeuern nicht gefeit sind. Doch es tritt auch eine gewisse Gewöhnung an die Abkehr der USA von der bisher regelbasierten Welthandelspolitik ein. Es finden keine wichtigen Staatswahlen in Europa in diesem Jahr statt und die Wirtschaft konsolidiert sich. Deshalb ist unser Ausblick für die Konjunktur positiv und wir gehen von einer guten Basis für die Kapitalmärkte aus. Konkret sind wir optimistisch für die weitere Entwicklung von Aktienanlagen, doch auch Goldanlagen sehen wir aussichtsreich als Absicherung. Die Anleihemärkte machen uns etwas Sorgen, denn die Zinssenkungsspielräume der Notenbanken, speziell der FED, werden immer geringer und das Inflationsrisiko ist in den USA nicht ausgeräumt. Deshalb sehen wir insbesondere Staatsanleihen für hochverschuldete Länder mit weiter dynamisch zunehmender Verschuldung wie Japan, Großbritannien und die USA kritisch.

Wie sehen Sie die neuen Anlagemöglichkeiten beim Thema KI? Droht uns eine Dotcom-Blase wie im Jahr 2000?
Zunächst gibt es durchaus Parallelen. KI wird ähnlich revolutionär auf die Wirtschaft wirken wie ehemals die Einführung des Internets. Es wird auch jetzt Marktbereinigungen geben. Einige neu gegründete Firmen werden es nicht schaffen und natürlich wird auch nicht jedes Unternehmen mit seiner KI-Idee am Markt durchdringen. Doch wir haben dieses Mal einen entscheidenden Unterschied, denn die großen Treiber hinter KI sind die Tech-Giganten, wie Microsoft, Meta oder Amazon, mit ihrer enormen Finanzkraft. Deshalb wird die aktuelle Revolution von erfahrenen Unternehmen mit einer ausreichenden Kapitaldecke angeschoben. Genau aus diesem Grund sehen wir aktuell auch keine KI-Blasengefahr.

Welche Orientierungen geben Sie institutionellen Anlegern für 2026?
Diversifikation, sowohl bei den Assetklassen als auch geografisch, ist mehr als ratsam. Weitere Investitionen in den US-Markt sehen wir zurückhaltend, eine globale Anlagestrategie ist vorteilhaft. Die Herausforderungen im Staatsanleihen-Segment hatte ich bereits erwähnt. Hier raten wir bei einigen Ländern zur Vorsicht, was auch für Währungen im Bereich US-Dollar und dem britischen Pfund gilt. Positiv sehen wir Europa, hier gilt nach unserer Einschätzung „boring, but beautiful“.

Welche Aktivitäten schätzen Sie außerhalb des Büros?
Ich verbringe viel Zeit auf Hockeyplätzen, als Zuschauer meiner Töchter. Generell ist Sport – aktiv oder als Zuschauer – ein toller Ausgleich.  Natürlich auch Lesen, aber nicht unbedingt über Wirtschaft und Politik.

Über Dr. Christian Schulz
Dr. Christian Schulz ist Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors. Er leitet dort das Global Economics & Strategy Team, das makroökonomische Analysen und Markteinblicke erstellt, die sowohl in die Anlageportfolios und die Positionierung des Unternehmens einfließen als auch wesentliche Informationen als Thought Leadership-Inhalte für Kunden liefern. Zuvor war er Deputy Chief European Economist bei Citigroup Global Markets. Vor Citi arbeitete er bei Berenberg, bei der Europäischen Zentralbank und bei The Boston Consulting Group.